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Was wird menschliche Intelligenz in der Zukunft wert sein?

Menschliche Intelligenz

Garry Kasparov gilt als einer der stärksten Schachspieler der Weltgeschichte. 1997 verlor er als erster Schachweltmeister gegen das von IBM gebaute Schachprogramm Deep Blue. Kasparov berichtete während einem Interview bei Google von nicht fairen Turnierbedingungen, da unter anderem der Computer mehrere Male während dem Spiel hochgefahren werden musste, was Kasparov mit einem Spieler verglich, der zwischendurch einen Herzinfarkt erleidet, und wiederbelebt werden muss. Fair oder nicht fair, jenes Spiel stellt ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte des Schachspiels dar. Ein neuer Gedanke war geboren: Ein Computer konnte den besten Schachspieler der Welt besiegen. Und Gedanken sind hochansteckend.

War der Sieg des Schachcomputers langfristig unvermeidlich?

Doch was wäre gewesen, wenn Kasparov 1997 nicht verloren hätte? Wäre dann womöglich auch der südkoreanische Go-Weltmeister Lee Sedol beim Wettkampf gegen den AlphaGo-Computer 2016 nicht unterlegen? Oder hätte sich die Niederlage gegen einen Computer einfach um 2, 5 oder 10 Jahre später nach hinten verschoben? Kasparov selbst geht davon aus. Doch was ist, wenn Kasparov und Sedol eine Bastion für die menschliche Intelligenz darstellten, die buchstäblich Zug um Zug eingenommen wurde? Wie auch immer, die menschliche Intelligenz war ins Wanken gekommen und künstliche Intelligenz war als Krücke stützend zur Stelle. Das Problem mit Stützen ist, man gewöhnt sich leicht an sie.

Während Kasparov in den 1980er Jahren noch behauptete, er werde niemals von einem Schachprogramm besiegt werden, wachsen die Generationen seit 1997 ganz selbstverständlich mit dem Gedanken heran, dass Maschinen besser Schach spielen können als Menschen. Ein machtvoller Gedanke, der schnell zu Machtlosigkeit führen kann.

Wie Maschinen unser Denken verändern

Kasparov beobachtet bei jungen Schachmeistern, die ihre Schachkenntnisse über das Lernen mit Maschinen aufbauen, zwei Phänomene: Einerseits lernen sie viel schneller und sind weiter in ihrem Können als die älteren Schachmeister, da in Computern ein enormes Schachwissen verfügbar ist auf welches sie jederzeit zugreifen können. Doch andererseits verlassen sie sich so sehr auf die Aussagen der Maschinen, dass sie ihre eigenen Fehler weder nachvollziehen noch analysieren können. Zeigt der Computer einen Fehler an, dann ist es ein falscher Zug, weil es der Computer so sagt. Gefragt, warum es ein falscher Zug war, deuten sie auf die Datenreihe der Maschine, Daten deren Herleitung sie nicht erklären können. „Irgendwie ist ihr Verstand gefangengenommen von der Macht der Maschine. Das gilt für viele Menschen. Sie starren auf den Computer, ihre Augen sind gefesselt vom Bildschirm und sie erwarten eine Lösung, anstatt selbständig nachzudenken“, fasst er beunruhigt zusammen.

Wo bleibt die Entwicklung menschlicher Intelligenz?

Es stellen sich die essentiellen Fragen: Weshalb werden so enorm viele Ressourcen (Arbeit und Geld) in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz investiert, anstatt unsere eigene menschliche Intelligenz signifikant weiterzuentwickeln? Weshalb werden die vorhandenen Mittel so wenig genutzt um unsere Vorstellungskraft, Kreativität, Intuition, Analysefähigkeit etc. zu erweitern? Einige KI-Forscher füttern Maschinen unermüdlich mit menschlichen Daten, in der Hoffnung, KI überflügele einst die menschliche Intelligenz, um uns dabei zu helfen die Weltprobleme zu lösen. Anfangs mag das auch funktionieren. Doch wer die höhere Intelligenz hat, hat die Kontrolle. Wir können Löwen in Käfige stecken, weil wir wissenstechnisch weiterentwickelter sind als sie. Wie wird KI mit uns umgehen, wenn wir unsere Intelligenz in immer mehr Bereichen immer weniger nutzen, weil wir unsere Denkkraft Zug um Zug  an Maschinen abgeben?

Konsequenzen, wenn Intelligenz herabgesetzt wird

Es hat tiefe psychologische Auswirkungen, wenn Menschen in einer Umgebung aufwachsen, in der ihre Intelligenz und ihr Wert wiederholt kleingemacht bzw. kleingehalten wird. Die Menschheit hat in dieser Hinsicht viele negative Erfahrungen gesammelt: Vom Adel, zur Kirche, zu Diktatoren, bis hin zu einem beginnenden Wettbewerb mit Maschinen aktuell. So etwas hinterlässt grobe Spuren im Selbstwertgefühl. Und ein gesundes Selbstwertgefühl ist für Menschen essentiell, um sich den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu fühlen und sich frei entwickeln zu können in ihrem Potential.

Erklärt man beispielsweise einem Kind wiederholt, es sei nicht so intelligent wie andere Kinder, ist es psychologisch nachweisbar, dass dergleichen tiefgreifende negative Konsequenzen für das Kind hat. Dabei gibt es zwei Hauptentwicklungsrichtungen: Entweder das Kind traut sich nur noch wenig zu und bleibt deutlich unter seinem eigentlichen Potential oder es versucht sein ganzes Leben lang anderen zu beweisen, dass es viel intelligenter sei als andere und kommt dabei langfristig nie zu einer befriedigenden Bestätigung. Beides kann man sich im Gehirn wie eine Art Programmfehler vorstellen. Eine Störung, die zu Limitierungen und zu innerem und äußerem Schmerz führen.

Wettbewerb menschliche Intelligenz versus künstliche Intelligenz

Jahrelang galt Lee Sedol weltweit als der stärkste Go-Spieler. Im komplexesten Spiel der Welt, hatte er als jüngster und schnellster Spieler den bis dahin höchstmöglichen Rang erreicht. Schaut man sich die Pressekonferenz mit Sedol an, nachdem er im März 2016 auch im zweiten Match gegen AlphaGo verloren hatte, wirkte er nicht nur sprachlos, sondern so, als wäre etwas in ihm zerbrochen. Etwas Wesentliches, das auch Auswirkungen auf die Menschheit hat. Als mehrere Kommentatoren nacheinander die herausragenden Leistungen des Computers hervorhoben, spiegelte sein Gesicht Schock und großen Schmerz.

Wir erleben täglich, dass Maschinen schneller als wir Menschen Daten speichern, analysieren, verknüpfen und mit einer Geschwindigkeit von Millisekunden rechnen. Durch die explosionsartige Weiterentwicklung von KI durch Deep Reinforcement Learning und der Möglichkeit, das KI-Software nun auch in der Lage ist ohne menschliche Hilfe zu lernen, stellt sich die dringliche Frage, welchen Wert unsere menschliche Intelligenz in der Zukunft haben wird.

Prognosen sagen uns, dass Maschinen bessere Autofahrer, Ärzte, Juristen etc. sein werden, wenn es um das reine Wissen geht. Es ist wichtig jetzt über diese Themen nachzudenken und Lösungen zu entwickeln, um nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden wie das bei Big Data der Fall war. Unsere Methoden von gestern reichen nicht aus um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Ja, unsere Methoden von gestern haben noch nicht einmal für die Herausforderungen von gestern ausgereicht.

Warum wir ein zeitgemäßes Schulsystem brauchen

Das heutige Schulsystem stammt aus der Zeit der Industrialisierung, in der es darum ging, angepasste Fabrikarbeiter heranzuziehen. Seitdem hat sich unser Schulsystem kaum wirklich verändert. Statt Kinder dazu zu inspirieren Fragen zu stellen, Neugierde zu fördern, Teamgeist zu entwickeln etc., werden sie durch unser Schulsystem zu Anpassern und Konkurrenten geformt. Deshalb fordert der Philosoph und Autor Richard David Precht zu Recht eine Bildungsrevolution anstatt weiterer Bildungsreformen. „Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt werden, sondern wie Leuchten entzündet“, wusste der Humanist François Rabelais bereits im 16. Jahrhundert.

Pablo Picassos Ansicht zu Computern und was es mit uns zu tun hat

Kasparov wies auf eine besonders wichtige Fähigkeit in uns Menschen hin, die es weiter zu entwickeln gilt, und zitierte dafür Pablo Picasso: „Computer sind nutzlos, weil sie nur Antworten geben können. Aber alles beginnt mit einer Frage.“ Antworten können nur so gut sein, wie die Fragen die wir stellen. Welche Fragen stellen wir uns nicht mehr oder noch nicht, weil wir darauf vertrauen, die Antworten auf all unsere Probleme in Maschinen und KI zu finden? Doch andererseits, welche Antworten kann uns die Technologie geben, gerade weil wir die richtigen Fragen stellen?

Die Zukunft ist das Resultat der Entscheidungen die wir heute treffen. KI-Technologie ist moralisch neutral. In ihr liegt viel Potential verborgen, aber auch ungeahnte Abhängigkeit. KI kann uns große Dienste leisten, wenn sie uns dient, doch genauso kann sie zu nie dagewesener Knechtschaft und Zerstörung führen, wenn wir die Lösungen aller Probleme von ihr erwarten und aufhören selbständig zu denken und Fragen zu stellen. „Denn alles beginnt mit einer Frage.“

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